Mittwoch, 7. August 2013

"Der Mensch nimmt sich was er braucht und lässt den Rest verrotten."

* Zurzeit ist nicht so viel Platz am Tag, um sich neue Geschichten zu überlegen und zu recherchieren, deswegen hat es so lange gedauert mit dem neuen Post, aber ich hoffe, dass ich bald wieder regelmäßiger dazu komme. 

** Viele von meinen treusten Fans ;) kennen meinen LVZ-Artikel über meinen Mettigel-Fanatismus. Dem muss ich jetzt mal entgegensteuern und auch die andere Seite beleuchten. 

Nina erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie beschloss Vegetarierin zu werden. Im Erdkundebuch der 5. Klasse sah die Zehnjährige ein Bild von Kühen - eingepfercht in einem viel zu kleinen Zuchtbetrieb. Die bulligen Tiere drängten sich dicht aneinander, ihre Hufen bluteten und eiterten von dem Mist, in dem sie standen. Der Schülerin liefen Tränen über das Gesicht. Sie beschloss: Nie wieder Fleisch - nie wieder zu einem solchen Leid beitragen. Nun steht sie zwischen den Regalen von "Veganz" in Berlin und räumt Sojamilch mit Mandelgeschmack hinein.
Der Laden gehört zu einer der größten veganen Supermarktketten Europas. Es ist ihr erster Arbeitstag als Ferienjobberin. Die Luft im Geschäft ist stickig, leise spielt Gitarrenmusik im Hintergrund. Nina trägt zwei verschiedene Schuhe, ihre schwarze Hose ist ausgewaschen und auf dem Rücken ihres Arbeitsshirts steht "Wir lieben Leben". Was als kindliche Idee begann, währt nun schon über sechs Jahre. Nina kommt nächstes Jahr in die Oberstufe. "Der Mensch sieht sich selbst als Herrscher über die Tiere. Er nimmt sich was er braucht und lässt den Rest verrotten", sagt Nina mit unaufgeregter Stimme. Als sie ihren Eltern berichtete, sie wolle nun kein Fleisch mehr essen, zog ihr Vater sofort mit. Er belas sich zu dem Thema und erklärte seiner Tochter später, dass all die beklagenswerten Dinge der Fleischproduktion ebenso auf Milchkühe oder Legehennen zuträfen. Die Konsequenz: Seit vier Jahren sind beide Veganer - essen nun auch keine Tierprodukte wie Käse oder Eier. Nina erklärt ihren Ernährungsstil mit diesem Missstand: "Eine gesunde Kuh gibt zirka acht Liter am Tag, eine Milchkuh aus dem Betrieb muss bis zu 40 Litern schaffen. Das ist nicht gesund.“

Ola, eine polnische Touristin, war noch nie zuvor in einem veganen Laden. Produkte wie Hanfspaghetti oder "I´m meat free"-Buffalowings, werfen bei ihr Fragen nach den Inhaltsstoffen und nach dem Geschmack auf. Nina kennt die Produktpalette noch nicht so gut, Angestellter Dave dafür umso besser. Was er ihr empfehlen könnte, fragt Ola. Der läuft mit ihr zu den Regalen mit dem Aufstrich: "Viele, die anfangen wollen vegetarisch zu leben, starten mit Käsebroten, weil ihnen nichts anderes einfällt, aber ich fahre eher auf die Aufstriche auf Sonnenblumenkernbasis ab, mit Rucola oder Aubergine." Dave ist seit neun Jahren Vegetarier und seit zwei Jahren Veganer: "Bei einer Party musste ich das Fleisch für die Schnitzel klopfen - ich hätte mich beinah übergeben. Dieses Gefühl auf rohes Fleisch einzuschlagen, hat mich angewidert". Neben Daves Kasse kleben verschiedene Sticker und Postkarten an der Wand: "vegan means I am trying to suck less" (Vegan bedeutet, ich versuche weniger nervig zu sein) steht dort oder "meat is murder" (Fleisch ist Mord). Knapp sechs Euro zahlt die junge Polin für zwei Aufstriche. Nina weiß, dass das viel Geld ist: „Meine Eltern ärgern sich auch über die hohen Preise, aber das sind uns die Tiere wert.“ Laut der Nationalen Verzehrstudie II ernährten sich 2008 80.000 Menschen vegan.