Montag, 1. Juli 2013

Der Lebenskraft beraubt


Dembe ist müde. Er ist in den letzten Jahren immer müde gewesen, kraftlos, ausgelaugt, als hätten sie alles Leben aus ihm gesogen. Sie - das sind die Rebellen der Lord´s Resistance Army, die sich seit nunmehr 26 Jahren gegen die Regierung des ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni auflehnen. Es war eine heiße Nacht 1995. Dembe war gerade eingeschlafen, da schlug jemand die Holztür seines Hauses ein und schleifte ihn nach draußen.  Fünf bewaffnete Männer zerrten ihn in ein nahegelegenes Waldstück, rissen ihm die Kleider vom Leib und fesselten ihn an einen Baum. Zunächst verhöhnten sie ihn nur, wie er da stand verängstigt und nackt, spielten an seinem Genital und schlugen ihm mit Stöcken auf den Hintern. „Ich wusste nicht, was mit mir geschah. Niemals wäre ich auf das gekommen, was dann folgte“, sagt Dembe heute. Die Rebellen zogen sich die Hosen runter, einer nach dem anderen. Sie vergewaltigten ihn - brutal, dominierend, manche noch nicht einmal mit erigiertem Glied.

Das Thema sexuelle Übergriffe auf Frauen in Krisenregionen ist seit langem im Bewusstsein der Gesellschaft fest verankert. Vergewaltigungen von Männern bleiben dagegen im Verborgenen. Dabei wird auch hier sexuelle Gewalt häufig als Kriegswaffe angewendet. Sandesh Sivakumaran lehrt an der Universität von Nottingham Internationales Recht und beschäftigt sich mit der Thematik: „Die Bandbreite an sexueller Gewalt gegenüber Männern ist unendlich, aber die Anzahl der Taten variiert von Konflikt zu Konflikt. In manchen scheint sexuelle Gewalt nur ein spontaner Akt zu sein, in anderen ist es klar systematischer Natur.“ So gibt es neben der Vergewaltigung von Männern auch Kastration, erzwungener Inzest, sexuelle Sklaverei und Verstümmelung. Und es geschieht nicht nur in Uganda, sondern auch im Kongo, Sierra Leone, Liberia, Sri Lanka oder dem Irak. Zahlen zu den Übergriffen gibt es kaum. In der Demokratischen Republik Kongo spricht man von vier bis zehn Prozent Männern als Opfer. In Zentralafrika sind im Jahr 2007 140 Fälle männlicher Vergewaltigungen dokumentiert. Das sind jedoch nur diejenigen, die sich in ärztliche Behandlung oder in den Schutz einer NGO begeben. Andere brechen ihr Schweigen nie.

Auch Dembe hat Jahre gebraucht bis er über seine Erfahrungen sprechen konnte. Dann wandte er sich an das „Refugee Law Project“ in Kampala. Das Institut der Makerere-Universität berät Flüchtlinge und Asylsuchende. Gemeinsam mit  anderen Organisationen aus Kambodscha und Neuseeland organsierten sie im April ein Treffen für missbrauchte Männer und Jungen. „Erst dachten wir, es würde keinen Anklang finden, aber mittlerweile haben wir hier in der Hauptstadt circa 70 Männer, die wir dauerhaft betreuen“, sagt Chris Dolan, der Leiter des „Refugee Law Project“s. Während Frauen für das Thema Vergewaltigung sensibilisiert seien, ist es für Männer immer noch ein Tabu. Hinzu kommt, dass viele Scham empfinden, weil sie es nicht geschafft haben, sich gegen den Übergriff zu wehren und zu Opfern wurden. Außerdem leiden sie unter Verwirrung, da ihnen häufig die Worte fehlen, um ihre Erfahrungen zu beschreiben, geschweige denn, dass sie wüssten wohin sie sich wenden sollten. Wenn Männer zum Sex mit Jungen oder anderen Männern gezwungen wurden, fühlen sie sich danach schuldig und haben Angst, dass ihnen in der Nachbarschaft niemand glauben wird, ihre Frauen sie verlassen oder die Gemeinschaft auf sie herab blickt.

Noch vor Kurzem war Dembe der Meinung sein Leben sei vorbei. Er war nach seiner Vergewaltigung nicht mehr derselbe, konnte nicht mit seiner Frau sprechen und auch seinen ehelichen Pflichten nicht mehr nachkommen. Er schämte sich vor seinen Kindern und fiel in eine tiefe Depression. „Viele Männer, die zu uns kommen, sind suizidgefährdet. Sie bluten aus dem Anus und können nur unter Schmerzen laufen und aufs Klo“,  erklärt Dolan. Der Grund für die Vergewaltigungen liegt nicht in der Sexualität selbst. Es können verschiedene Gründe sein, warum zu dieser Kriegswaffe gegriffen wird. Die „Sexual Violence Research Initiative“ beschreibt in einem Aufklärungspapier die Gründe für einen solchen Übergriff. Demoralisierung sei eine generelle Strategie im Krieg. Sexuelle Gewalt werde hier genutzt, um zu verschrecken, Familien und das Gemeinschaftsgefüge zu zerstören. Außerdem werde sie an Männern vorgenommen, um ihre maskulinen Eigenschaften zu attackieren. Durch Vergewaltigung fühlten sich viele Männer so, als seien sie in eine Frau umgewandelt worden. Manche Männer, die zum „Refugee Law Project“ kommen, zweifeln an ihrer Heterosexualität. Und das in einem Land, in dem seit 2009 lebenslange Haft für Homosexuelle im Gesetzesbuch aufgenommen ist. Schlussendlich sind diese Männer für ihr Leben stigmatisiert.

Mittlerweile versucht Dembe sich bewusst zu werden, dass die Vergewaltigung nicht seine Schuld war und er sein Leben wieder in die Hand nehmen sollte. „Ich weiß zwar, dass diese Männer nicht gefasst werden, aber ich möchte andere Betroffene in Afrika dazu ermuntern von ihrem Unheil zu berichten und zur Verbesserung der Situation für Männer beizutragen.“ Damit steht er nicht allein. Auch Sandesh Sivakumaran ist der Meinung: „Das Problem muss angesprochen werden, unabhängig von der Zahl der Betroffenen.  An Männer und Frauen sollten gleiche Maßstäbe angelegt werden.“ Rechtlich ist die Lage bis jetzt jedoch völlig unklar.

Lara Stemple ist die Direktorin des „Health and Human Rights Project“ an der Universität von Kalifornien, Los Angeles und beschäftigt sich seit Jahren mit der rechtlichen Situation von vergewaltigten Männern: „Der Rahmen des Internationalen Menschenrechts ist vollkommen ungeeignet, um sexuelle Gewalt gegen Männer und Jungen zu addressieren.“ Über 100 Mal werde die Wortgruppe „sexuelle Gewalt gegen Frauen“ oder „geschlechter-basierende Gewalt“ verwendet. „Normalerweise sollte „geschlechter-basierende Gewalt“ Männer mit einschließen, aber im Kontext der Menschenrechte scheint es sich nur auf Frauen als Opfer zu beziehen“, erklärt Stemple. Aus diesen definitorischen Problemen ergibt sich ein Kreislauf des Schweigens. Die Juristin ist sich sicher: „Wenn das Phänomen der Vergewaltigung von Männern in der Gesellschaft unerkannt bleibt, aus Kriminalitätsberichten herausgelassen wird oder in der Menschenrechtsbewegung keine Rolle spielt, dann können die Opfer glauben, dass es unwichtig sei ihre Erfahrungen mitzuteilen, das Problem anzusprechen und es verschlimmert die Hemmungen über das Erlebte zu berichten.“ Anfang und Ende eines Teufelskreises.