Mittwoch, 10. April 2013

„Ich weiß, sie tranken heimlich Wein. Und predigten öffentlich Wasser.“


Wein

Er gewann vier Mal den Deutschen Fernsehpreis, sechs Mal einen Bravo Otto,  zwei Mal den Deutschen Comedypreis, zwei Mal die Goldene Kamera, ein Mal den Adolf -Grimme-Preis und nicht zuletzt vier Mal den ECHO. Er ist unser Vorzeigeentertainer und unser Enfant terrible - Stefan Raab. Seit seinem Start im deutschen Fernsehen  war er maßgeblich beteiligt an 27 Showformaten und moderiert seit 14 Jahren die langlebigste Late-Night-Show im TV.  Ohne Zweifel: Stefan Raab bereicherte die Abende vor der Glotze mit Unterhaltsamkeit - seinen bissigen Humor immer im Gepäck. Und für den bezahlte er. Als er 2001 der damals 16jährigen Lisa Loch aufgrund ihres Namens eine vielversprechende Pornokarriere prophezeite, kostete ihn das 70.000 Euro Schadensersatz und als er 2004 eine Mutter mit der Schultüte ihres Kindes im Arm als Drogendealerin verunglimpfte, musste er in einem Vergleichsangebot 20.000 Euro zahlen.  Die Beispiele klingen harmlos. Und kaum einer, der nicht selbst davon betroffen ist, kann sich ein schuldbewusstes Grinsen über Raabs Witzeleien verkneifen.  Doch es gibt auch Fälle, die nicht sofort vor Gericht gezerrt wurden. 

TV-Total: Integrationscheck - Fragestellungen, die sicher auch mit vielen deutschen Bestintegrierten möglich wären

Wenn Stefan Raab in der ersten Sendung seines Polittalks „Absolute Mehrheit“ sagt: Wenn Rösler das beim Abendessen sieht, fallen ihm hoffentlich nicht die Stäbchen aus der Hand.“, wenn er seinen Gast Jorge als „spanische Schwuchtel“ bezeichnet oder, wenn er als islamischen Feiertag in Deutschland den Isch-fick-deine-Muttertag vorschlägt, dann ruft das niemanden mehr auf die Barrikaden. So ist er eben, unser Stefan. 

Wasser

"Südtirol, wir tragen deine Fahne
Denn du bist das schönste Land der Welt
Südtirol, sind stolze Söhne von dir
Unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her"

So singt die Band Frei.Wild über ihr Heimatland „Südtirol“. Der Journalist Thomas Kuban, der sich viel undercover in der nationalsozialistischen Szene bewegt, ordnete dieses Lied und auch andere Songs eindeutig in die rechte Ecke ein, bezeichnete Sie als völkisch und nationalistisch. Auch das Lied „Wahre Werte“ gehöre hier hin: „
Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk.“ heißt es darin.

MIA und Kraftklub haben dazu beigetragen, dass die Diskussion um Frei.Wild nun noch größere Aufmerksamkeit gefunden hat. Sie traten von ihrer Nominierung beim ECHO in der Kategorie Rock/Alternative national, in der sie gemeinsam mit Frei.Wild platziert waren, zurück und die Phono-Akademie in Angst, um einen Image-Schaden ihres Preises schloss wiederum Frei.Wild von ihrer Nominierung aus.


 „Ich weiß, sie tranken heimlich Wein. Und predigten öffentlich Wasser.“ 
(Heinrich Heine)

1. Ein Vorzeigeentertainer, der in nahezu jeder seiner viermal wöchentlich laufenden Late-Night-Show Frauen, Ostdeutsche, Ausländer oder Homosexuelle beleidigt und dafür von Deutschland mit Auszeichnungen überhäuft wird.
2. Eine Südtiroler Band, die sich klar von rechtem Gedankengut distanziert, trotzdem in ihren Texten Wörter wählt, die von Außenstehenden als nationalistisch eingestuft werden und deswegen von einer deutschen Preisverleihung ausgeschlossen werden.

Es gibt hier zwei wichtige Baustellen in der Analyse dieser Situation. Eine ist natürlich das Standing von Stefan Raab. Er ist unser Entertainer-Papst, ohne ihn würde möglicherweise der Fernseher an manchen Samstagabenden bereits um 23 Uhr ausgehen. Aber, wenn „Schlag den Raab“ läuft oder eine „Pokerstars.de-Nacht“, dann bleiben wir weiter dran auf der Jagd nach einer Pointe oder einem Missgeschick.  Er ist ein moderner Frank Elstner, der alles, was er anfasst, zu Gold macht, nur mit seiner Kreativität, seinem Ehrgeiz und seinem Tatendrang.  Wir kennen ihn. Und wir lieben sein breites Grinsen und sein immer spärlicher werdendes Haar.

Frei.Wild - eine Band, die beinahe genauso lange existiert wie TV Total, aber erst vor Kurzem für die breite Masse in Deutschland präsent geworden ist. Die Musiker sind allesamt Böhse Onkelz-Fans, eine ebenfalls umstrittene Deutschrockband. Außerdem war Frontsänger Philipp Burger bis 2008 Mitglied der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheitlichen“ in Südtirol und sang auch bis 2001 in der Rechtsrock-Band „Kaiserjäger“. Alles zeigt in Richtung Nationalsozialismus. Das ist kaum zu bezweifeln.  Erst seit knapp fünf Jahren distanziert sich die Band in ihren Liedern, Videos und Aktionen von faschistischem, nationalistischem oder anderem extremen Gedankengut.

Nun fällt es schwer Stefan Raab und Frei.Wild in einen Topf zu werfen.  Es wäre auch falsch. Die Frage, die sich allerdings stellen sollte, ist die Frage nach der Handhabung. Wird hier vielleicht mit zweierlei Maß gemessen? Es scheint besser zu sein, latente und offene Feindlichkeit, unter der Comedydecke, Abend für Abend ohne jegliche Reflexion zum Besten zu geben, als jahrelang seine Ablehnung gegen Andersdenkende frei geäußert zu haben und sich nun seit einiger Zeit von diesen Äußerungen streng zu distanzieren und umzudenken. 

Eine zweite Baustelle liegt in unserem deutschen Denken. Deutschland pflegt keinen Patriotismus. Und hisst doch ein Deutscher seine schwarz-rot-goldene Flagge im Vorgarten, so kann er sich bereits am nächsten Morgen nicht mehr bei den Nachbarn sehen lassen ohne geschmäht zu werden. Die Worte Volk, Nation, Tradition, Flagge, Patriot - sie sind aus dem deutschen Sprachgebrauch verschwunden. Es ist ein skurriles Land, in dem wir leben. Ein Gefühl von Freiheit kommt zu jeder Fußballmeisterschaft auf, wenn man einen Wimpel an sein Auto klemmen darf, ohne einen Schmierzug „Nazischwein“ am nächsten Tag darüber zu sehen und wir führen abendfüllende Fernsehdiskussion mit der Frage: „Hat die deutsche Mannschaft verloren, weil sie die Nationalhymne nicht inbrünstig genug sangen?“ Doch kaum sind die Wochen der Freiheit vorbei, werden die Flaggen weggeschlossen und die schwarz-rot-goldene Schminke in der dunkelsten Ecke des Kosmetikschrankes verstaut.

Die Südtiroler hingegen kennen diese Verklemmungen nicht. Philipp Burger sagte in einem Interview über Südtirol: „Wenn dort ein Feiertag ist, dann wird da die Tiroler Flagge vors Haus gehängt und zwar überall. Die haben da auch lauter Vereine, die das hegen und pflegen und diese Verbundenheit zu Südtirol auch erhalten wollen.“ Und das - das verstehen die Deutschen nicht.

Es bleibt festzuhalten: Wenn man als Band eine solche Reichweite genießt, dass man die Dortmunder Westfahlenhalle füllen kann und für unzählige Rockfestivals gebucht wird, dann sollte man ein Mal mehr darauf achten, welche Worte man in seinen Texten verwendet. Südtirol hin oder her. Wer auch deutsche Zuhörer hat, muss seinen Ton anpassen. Sei es auch noch so skurril, doch die Diskussion über Sinn und Unsinn der deutschen Vaterlandsverklemmung ist eine andere. Stefan Raab jedoch, sollte dann mit ebenso kritischen Stimmen bedacht werden, denn in seiner Sendung hat die Toleranz einen sehr geringen Stellenwert.  Wir sollten niemanden als Entertainer preisen, dessen Witze häufig auf Kosten anderer gehen und wir sollten niemanden von einer Preisverleihung ausschließen, die eine Änderung ihres Denkens anstreben.

 Frei.Wild-Homepage und Blog
Stefan Raab: TV-Total und Brainpool

Letzer Zugriff auf verlinkte Websites: 10. April 2013