Donnerstag, 4. April 2013

Eine Neidfrage


„Es ist immer so, es ist auch in Klassen so: Wenn man manchmal bessere Ergebnisse hat, sind die Anderen, die mehr Schwierigkeiten haben, auch ein bisschen neidisch.“ 
 Davon ist Wolfgang Schäuble überzeugt. Hätten die Griechen und Zyprer ihn am Montag,den 25. März im ZDF gehört - wir wissen nicht, was sie getan hätten.

Von 2003 bis 2013 stieg Griechenlands Staatsverschuldung laut International Monetary Fund von 168,03 Milliarden auf 346,35 Milliarden, wobei der Höchstpunkt mit 355,78 im Jahr 2011 erreicht war. In diesem Jahr gaben auch 80 Prozent der Befragten Deutschen bei einer Forsa-Umfrage an, dass sie nicht für Griechenland aus der eigenen Tasche zahlen würden.

Doch wir zahlten. Im Frühjahr 2012 beschloss die Bundesregierung, gemeinsam mit dem Internationalen Währungsfond und den Euro-Partnern, die Zustimmung zum zweiten Hilfspaket für Griechenland in Höhe von 130 Milliarden Euro. Und die Griechen bluteten dafür. Ende letzten Jahres beschlossen sie ihr fünftes Sparpaket, das zu Einsparungen in Höhe von 13,5 Milliarden Euro führen sollte. Die Renten wurden um bis zu 15% gesenkt, das Rentenalter von 65 auf 67 Jahre angehoben, Urlaubs-und Weihnachtsgeld für Staatsbedienstete wurden gestrichen und ihre Löhne bis zu 20% gesenkt. Es wurden höhere Eigenbeträge beim Kauf von Medikamenten festgelegt und der Anspruch auf Kindergeld verfiel ab einem Familieneinkommen von 18.000 Euro im Jahr.

Kein Wunder also der Zorn der Demonstranten und der Protest gegen weitere Sparpakete, die viele von ihnen an das Existenzminimum treiben sollten und weitere in die Arbeitslosigkeit, manche sogar in den Selbstmord. Fast läppisch klingt daher das Wort „Neid“ aus dem Wort des Finanzministers angesichts dieser gravierenden Lebensumstände unter denen die Griechen leiden.
„Jedermann steht ohne Weiteres dazu, dass er jemanden hasst. Zu seinem Neid aber steht niemand gerne. Man flüchtet sich lieber in alle möglichen Ausreden.“

Plutarch, ein griechischer Schriftsteller zwischen 46 und 120 n. Chr., schrieb das bereits treffend in seinem Buch „Über den Neid und Hass“. Vielleicht deswegen wird Deutschland von manchen Griechen als 4. Reich bezeichnet, schwingen sie die Fahne der Nationalsozialisten, zünden sie an und malen Angela Merkel ein Hitlerbärtchen. Giorgos Trangas, ein griechischer TV-Moderator sagte hierzu: „Ich habe kein Problem mit den Deutschen, aber ich habe ein Problem mit Angela Merkel. Sie benimmt sich wie ein zweiter Hitler, es sind die Methoden eines Diktators. Wir Griechen werden kleingemacht, damit Deutschland immer größer wird.“ Der Hass auf Deutschland ist ein wertvolles Gut, das gern herausgeholt wird, wenn Erklärungen aus anderen Richtungen unerwünscht sind.

Neid gab es ebenfalls im Alten Testament. Hier kommt das Wort sogar neben den Nomen „Gott“ und „Herr“ am häufigsten vor. Zum einen referiert es auf die Verteilung der materiellen Güter oder der geistigen Werte unter den Menschen. Zum Anderen auf die Exklusivität und Treue des Bundesverhältnisses zwischen dem Volk Israel und Jahwe.

Nach Gen 26,12-14 wird Isaak reich und zieht damit den Neid seiner Nachbarn, der Philister, auf sich. „Er besaß Schafe, Ziegen und Rinder und zahlreiches Gesinde, sodass ihn die Philister beneideten.“ In der Familiengeschichte Isaaks wird noch häufiger Neid ein Thema sein. Seine Schwiegertöchter werden sich gegenseitig um ihre Fruchtbarkeit beneiden und deren Söhne werden ihren jüngsten Bruder, um die Vaterliebe beneiden.

Auch im Neuen Testament findet sich Neid unter anderem im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15, 11-32). Hier vergibt der Vater dem jüngeren Sohn, der das von ihm vorzeitig geerbte Vermögen verschleudert hat und zu ihm zurückgekommen ist, bedingungslos und empfängt ihn mit einem Festmahl, was den Neid des Bruders auf sich zieht.

Häufig wird in der Bibel das Wort des „bösen Auges“ verwendet, um Neid zu beschreiben. In der damaligen Agrargesellschaft, wie sie in der Antike und in den Mittelmeerländern entstand, waren alle Güter und Lebensmittel über die Gesellschaft gleich verteilt. Hatte ein Mensch plötzlich mehr, so konnte dies nur auf Kosten der anderen geschehen sein.  Takashi Onuki schreibt in seinem Buch „Neid und Politik“, dass der Neid der daraus entstünde, soziale Bindung der Menschen untereinander  in der Gesellschaft oder einer kleinen Gemeinschaft, zerreißen könne.

Zwar sind wir uns heute häufig im Klaren darüber, dass unsere Güter ungleich verteilt sind, doch Missgunst und Neid, wie er sich bereits in der Bibel andeutete, findet sich auch jetzt noch überall. Im Januar 2013 wurden die griechischen Löhne der staatlich Angestellten und der Arbeiter in öffentlich-rechtlichen Unternehmen angeglichen. So verdient ein U-Bahnfahrer aus Athen, der eineSchicht von früh morgens bis spät abends fährt das gleiche, wie ein Büroangestellter, der um 16 Uhr nach Hause geht. So frisst der Neid die Gesellschaft auch von Innen auf. Das Feindbild Deutschland musste geschaffen werden, um sich über Wasser zu halten.
„Das Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird dein ganzer Körper hell sein. Wenn aber dein Auge böse ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein.“ (Mt 6, 22-23)
Mit dem Neid-Thema beschäftigt sich auch Helmut Schoeck in seinem Buch „Der Neid. Eine Theorie der Gesellschaft“, das 1968 erschien. Er schreibt: „Und was die Marxisten das Opium der Religionen nannten, die Fähigkeit die Gläubigen unter verschiedenen Lebensumständen Zufriedenheit und Hoffnung zu geben, ist nichts anderes als das Angebot von Vorstellungen, die den Neidischen vom Neid, den Beneideten von seinem Schuldgefühl und der Furcht vor den Neidern befreien. So richtig die Marxisten diese Funktion erkannt haben, so blind und naiv blieben ihre Lehren gegenüber dem nach wie vor zu lösenden Problem des Neides in jeder künftigen Gesellschaft.“

Neid sei ein gerichtetes Gefühl, das ohne Zielscheibe, ohne Opfer nicht auftreten könne. Im Falle Griechenland muss Deutschland dann das Opfer des Neides sein. Dabei ist interessant, dass Schoeck hier auch auf verschiedenste Studien in der modernen Industriegesellschaft oder auch in einfachen Stammeskulturen verweist, die besagen, dass Neid keinesfalls proportional zu dem absoluten Wert des begehrten Guts sein muss. Im Gegenteil: Neid konzentriere sich häufig auf  lächerliche Kleinigkeiten. Die überwältigende und Staunen erregende Ungleichheit, vor allem wenn sie wirklich unerreichbares enthält, reize den Neider dabei weit weniger als die minimale Ungleichheit, bei der sich der Neider sagen müsse: Beinahe könnte ich das auch.

So könnte es auch den Griechen gehen. Die geographische Nähe, die Verbundenheit in der EU, dieselbe Währung und die gleiche Staatsform. All das verbindet Deutschland und Griechenland. Wir sind uns so nah und gleichzeitig so fern. Und mancher Grieche stellt sich vielleicht zurzeit sogar die Frage: Was wäre, wenn ich in einem anderen Land geboren wäre?

Auch Martin Persson Nilsson, ein schwedischer Religionshistoriker schrieb über Neid. Dabei stellte er fest, dass sich der Mensch am geborgensten fühle, wenn der Verteiler seiner Lose im Leben anonym bleibe und wenn dieser als Ausüber einer Ordnung angesehen werde, gegen deren Spruch und Weisheit sich niemand auflehnen könne. Im damaligen Griechenland waren natürlich meist die Götter als Verteiler der Lose gemeint. Auch in der mykenischen Zeit stellte diese soziale Situation das größte Problem und den größten Neidfaktor dar:

Viele werden bei den großen Feldzügen, die sie mitmachten, draußen geblieben sein, einige kehrten mit Beute und Reichtümern zurück, andere mit Narben und leeren Händen.“

Eine Situation schließlich, in der es keinen Neid gibt, wird es jedoch nie geben. Und Schoeck schreibt:„Die Situation kann es nie geben, weil wie sich zeigen lässt, der Mensch sich notfalls etwas zum Beneiden findet. In der utopischen Gesellschaft, wo wir alle die gleichen Gesichter trügen, nicht nur die gleichen Kleider, würde der eine dem anderen noch die vermutete innere seelische Haltung neiden, die es ihm erlaubte, unter der egalitären Maske doch noch individuelle Gefühle und Gedanken zu hegen.“

Wenn Schäuble also Recht hat, dann bleibt uns nur zu hoffen, dass bald wieder Einigkeit herrschen wird in Europa, denn ein russisches Sprichwort sagt: 
„Die Neider werden sterben, aber der Neid wird sich vererben.“

Wolfgang Schäuble und Matthias Richling zur Griechenlandkrise

Stefan Raab hat mal gesagt: "Im Entertainment ist nur eins sicher - der Neid der Erfolglosen." Um ihn und seinen Einfluss auf uns und das Showgeschäft soll es beim nächsten Mal gehen.

Buchquellen: 

Onuki, Takashi (2011): Neid und Politik. Eine neue Lektüre des gnostischen Mythos. Vandenhoek & Ruprecht, Oakville.


Schoeck, Helmut (1968): Der Neid. Eine Theorie der Gesellschaft. 2. Aufl. Verlag Karl Alber. Freiburg/München.



Mittwoch, 3. April 2013

Warum dieser Blog?

Jeder junge Journalist versucht sich irgendwie zu etablieren. Versucht Erfahrungen zu sammeln,  Kontakte zu knüpfen, sich zu verbessern oder sich möglicherweise sogar einen Namen zu machen. Doch Deutschland ist überflutet mit Schreiberlingen, die alle das gleiche Ziel haben. Von den Top 100 deutschen Blogs stammt außerdem nur einer von einer Frau und Studien haben ergeben, dass weibliche Journalisten zwar meist besser ausgebildet sind, später aber trotzdem häufig niedrigere Positionen mit weniger Verantwortung bekleiden. Warum also dieser Blog?

In meinem ersten Beitrag wird es um das Thema Neid gehen. Menschen geben weitaus offener zu, dass sie jemanden hassen, als dass sie bereit sind zu sagen, dass sie neidisch auf jemanden sind. Deswegen gehe ich mit gutem Beispiel voran: Ich bin neidisch. Neidisch auf all diejenigen, die es bereits geschafft haben, die an einer Journalistenschule angenommen wurden, einen begehrten Volontariatsplatz ergattert haben, die sich die Mitarbeit in einer Zeitung erschrieben und erkämpft haben. Es war sogar soweit, dass ich neidisch auf Zoe Barnes war, eine junge Reporterin beim Washington Herald aus der Serie "House of Cards". Sie kommt frisch von der Uni und versucht nun eine gute Journalistin zu werden, doch man lässt sie nicht recht. Beim Herald schreibt sie nur über Hundetreffen und neue Joggingstrecken und kann ihr Potential kaum ausschöpfen. Den großen Coup landet sie erst, als sie dem Abgeordneten Frank Underwood ein unmoralisches Angebot unterbreitet. Sie wird zur Top-Reporterin, da sie als erste Insiderinformationen aus dem Weißen Haus bekommt. Der Ruhm steigt ihr zu Kopf, das gefällt ihrem Chefredakteur gar nicht. Er will sie aus dem Rampenlicht holen und beschimpft sie zuletzt sogar als Fotze. Das lässt sich Zoe nicht gefallen, sie veröffentlicht diese Aussage bei Twitter und in ihrem Blog. Sie kündigt beim Herald und bekommt nun Angebote von den wichtigsten und beliebtesten Zeitungen in Washington. Ihr ehemaliger Chefredakteur jedoch wird gefeuert.

Zoe Barnes ist sicher kein Beispiel für integeren Journalismus, aber sie hatte mit ihrem Blog eine Plattform, auf der sie unzensiert veröffentlichen konnte, was sie als richtig und wichtig empfand. Darauf war ich neidisch. Ein Blog bietet die Möglichkeit, das zu schreiben was man will und es auch in der Form zu schreiben, wie man will. Das möchte ich auch. Deswegen der Blog. Schaut vorbei!