Sonntag, 2. Juni 2013

Denn die Zeit, die drängt...



Eigentlich wollte ich etwas zum Thema „teilen“ schreiben. Mir ist es in letzter Zeit vermehrt aufgefallen, dass es immer neue Plattformen im Internet gibt, auf denen man teilen kann: carsharing, couchsurfing, housesharing, foodsharing und vieles mehr.  

Deswegen dachte ich: Das Thema scheint im Trend zu liegen. Aber ich kam zu spät. Im Februar hatte der „Stern“ bereit seine ganze Zeitschrift mit dem Titel „Teilen ist das neue Haben“ gemacht und nahezu alles zu diesem Thema eroiert. Dabei fiel mir allerdings etwas Neues auf: Nicht nur der Stern hatte im Februar zu diesem Thema geschrieben, sondern auch der „tagesspiegel“, die „Bild“, „nrw-denkt-nachhaltig“, der "Spiegel" und kürzlich hat sich auch „ZDFinfo“ in einer „Wiso“-Sendung dem Thema gewidmet.

Anlass war die CeBit, die im Anfang März stattfand und unter dem Motto „Shareconomy“ lief. Für die Vorberichterstattung wurde dann intensiv zu diesem Topic recherchiert. Bis hierhin ist alles legitim. Doch nun werfen wir einen Blick in den Inhalt der Berichterstattung. Manche der Artikel und die Wiso-Sendung referiert auf den früheren Werbespot „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ von der Sparkasse aus den 90ern. Denn dieses Lebensgefühl sei nun passé. Dafür würden die Menschen eben mit Hilfe von sozialen Netzwerken gern teilen. Es folgt eine Erklärung des neuen Zeitgeistes und eine Auflistung von Sharing-Möglichkeiten.

Mit dem Thema angefangen, hat, wie so oft, die "New York Times", die bereits 2009 einen Artikel zu dem Thema veröffentlichte, weitergemacht in Deutschland hat 2011 die „Zeit“  und nun, da es bereits in allermunde, haben auch die restlichen großen deutschen Zeitungen dazu gefunden. Warum ist das so? Warum sind wir keine Trendsetter, sondern Mitläufer? Warum muss uns immer wieder eine New York Times zeigen, wo der Wind hin weht?

Ein Grund, der auf der Hand liegt und schon seit 2008 durch eine Studie der Landesmedienanstalt in NRW bekannt wurde, ist sicher die Selbstreferentialität der Medien.  600 Journalisten wurden befragt und ein Großteil von ihnen gab an, dass sie bei der Recherche vornehmlich auf andere Medien zurückgreifen und nicht auf Quellen aus erster Hand.  Interessanterweise existiert diese Selbstreferentialität aber nicht nur in den Medien:

„[…] und Selbstreferenz gilt heute als eines der wichtigsten Kennzeichen der Postmoderne überhaupt: Die Texte beziehen sich mehr und mehr auf Texte, wobei sich die Spuren ihres Ursprungs verflüchtigen. Die Filme werden mehr und mehr zu Metafilmen, das Fernsehen thematisiert das Fernsehen (und die Notwendigkeit, dies im eigenen Sender zu tun) und wird somit immer mehr zu einem Nah-Sehen. In der Literatur werden die Romane immer mehr zu Metaromanen, in der Kunst steht immer mehr der Künstler in seiner Körperlichkeit im Mittelpunkt des Interesses. Selbst die Werbung bezieht sich immer weniger auf die Darstellung der Produkte, indem sie die selbst erzeugten Mythen in ewigen Kampagnen wiederholt.“

Zu diesem Thema forschte die Universität Kassel bereits in den Jahren 1999 bis 2001. Doch geändert hat sich, was das Beispiel „Shareconomy“ zeigt, seit dem nicht viel.

Themenfindung funktioniert am besten über ein starkes soziales Netzwerk - offline und online.  Dieses aufzubauen braucht Zeit - meist sprechen wir von Jahren. Diese Zeit haben die wenigsten Journalisten. Man muss schnell sein, der Erste sein, offen für neue Aufgaben und immer flexibel. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Die Medien werden sich nicht mehr beruhigen, sie werden nur noch rasender werden und  die Chancen am Zahn der Zeit zu horchen, mit Menschen intensiv zu sprechen und kreativ Ideen zu entwickeln, werden noch weiter schrumpfen. Deswegen werden Journalisten auch in Zukunft den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, hinterher laufen.

Denn die Zeit, die drängt und das Geld ist knapp
Und es ist auch schon oft passiert,
Das alle abgeschrieben haben und keiner hat recherchiert.” (Marc-Uwe Kling)

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