Donnerstag, 2. Mai 2013

Wir träumen nicht alle



Seit Clemens Meyer ist Leipzig zur Stadt der Träumer erkoren. Die FAZ titelte schon 2011 „Dieser Ort ist kein Traum“ ("Er existiert wirklich und ich habe ihn gefunden") und auch der Spiegel schrieb erst kürzlich über Leipzig als „Hauptstadt der Träumer“. Zwischen diesen beiden Artikeln stand ein Dialog zwischen dem ehemaligen Kreuzer-Chef Robert Schimke, der einen anklagenden Liebesbrief an seinen Wunschwohnsitz Leipzig schrieb und Oberbürgermeister Burkhard Jung, der sich sogar aufschwang für die Stadt selbst zu sprechen.
Doch wir sind nicht alle Träumer. Was steckt hinter all diesen Artikeln? Eine Leipzig-Analyse, die auf Fakten statt Gefühlen basiert:

2012 zogen über 10.000 Menschen nach Leipzig. Sie ziehen ins Zentrum und die Szeneviertel Südvorstadt und Plagwitz. Die Mieten stiegen hier bereits zwischen 2009 und 2011 um 2,30€ - eine Preissteigerung von 37%. Gentrifizierung droht, oder?
Reinhard Wießner, Professor für Stadtentwicklung an der Universität Leipzig, weiß es besser. Gentrifizierung - wie definiert sich das überhaupt? Für Wießner ist es die Verdrängung von Durchschnitts- oder Geringverdienern durch Leute mit gefüllterem Geldbeutel. „Und in Leipzig wohnen die Studenten in den beliebtesten Wohnvierteln der Stadt. Die Mieten sind immer noch sehr preiswert, hier können sich die Mieter noch die Wohnungen aussuchen und, dass Mieter die Maklerprovision zahlen, ist vollkommen unüblich - in anderen Städten aber schon Normalität“. Also alles eine Frage des Maßstabs, der Bewertung. Und ein Gentrifizierungs-Prozess finde höchstens punktuell beispielsweise in Gohlis statt.

Leipzig ist Hoffnungsträger für viele und sie kommen hierher, ihre Träume zu verwirklichen. Viele sind Künstler. Die Künstlersozialkasse hatte 2580 Neuanmeldungen zwischen Januar 2012 und April 2013. „Leipzig hat das Kulturangebot von einer Millionenstadt“, weiß auch Beate Locker, Abteilungsleiterin für Kulturförderung der Stadt Leipzig. Durch die Kunsthochschule entwickeln sich in Leipzig viele Projektgruppen, die in jedem Jahr wieder hoffen, in Leipzig sesshaft zu werden. „Damit steigt natürlich auch der Förderbedarf der freien Kultur immer weiter.“ 2012 ist der Etat mit vier Millionen so hoch wie nie zuvor, doch der Bedarf liegt bei circa sechs Millionen. „Haus Steinstraße, naTo oder die euroscene brauchen durch steigende Betriebs- und Stromkosten jedes Jahr mehr Geld“, sagt Locker und weiß, dass sie die Aufgabe alle glücklich zu machen, nie erfüllen kann.

Ab dem 1. August gibt es einen rechtlichen Anspruch auf einen Kita-Platz. Victoria Jankowicz von der Leipziger Kitainitiative ist sicher, dass die Stadt die Anforderungen bis dahin nicht erfüllen kann: „Die Planung der Stadt beruht auf willkürlichen Zahlen und willkürlichen Bedarfszahlen. Die Stadt geht von einer Betreuungsquote von 50% im U3 Bereich aus, andere ostdeutsche Großstädte wie beispielsweise Dresden, die eine qualifizierte Bedarfserfassung durchführen - auf Grundlage von Befragungen - gehen von 70% aus.“ Derzeit gestaltet sich die Suche nach einem Platz für sein Kind sehr zeit- und nervenaufreibend. Zwar gibt es von der Stadt die Plattform meinkitaplatz-leipzig.de, allerdings liefert hier die Suche auch nach mehrmaliger Eingabe keine Treffer. Also heißt es, alle Einrichtungen persönlich anzufragen über zahllose Anrufe, E-Mails und Treffen. Wenn alles nicht hilft, bleibt nur noch: „Großeltern, Familie einbinden, was aber auch nicht vorausgesetzt werden kann, irgendwie einen Babysitter engagieren oder versuchen, mit anderen Eltern eine Lösung zu finden und sich in die Betreuung reinzuteilen“, sagt Jankowicz.

Leipzig ist seit 2010 Armutshauptstadt. Nur 1.414 Euro verdienten die Einwohner in dem Jahr durchschnittlich, das ist weniger als 2009 und ein Sechstel lebt seit dem unter der Armutsgefährdungsschwelle. In Dresden liegt die Arbeitslosenquote im ersten Quartal 2013 bei 9,3%, in Leipzig bei 10,8 %.  Nahezu jedes dritte Kind unter 15 Jahren bezog im Jahr 2010 Sozialgeld. Gerade im Osten und Westen der Stadt befindet sich Leipzig in allen Merkmalen am Tiefpunkt. Allein in der Bildung befindet sich hier die höchste Lernförderquote, die wenigsten Gymnasialempfehlungen und die höchsten Schulabbrecherzahlen.  
Außerdem liegt Leipzig mit der Sauberkeit seiner Luft 2011 nur auf Platz 31 von 42 untersuchten deutschen Großstädten. Es begibt sich damit in die Gesellschaft des Ruhrgebiets.

Über Leipzig ist in überregionalen Zeitungen viel geschrieben worden, allen voran die New York Times. Vielleicht, damit es auch mal ein paar positive Nachrichten aus dem Osten gibt. Wichtig ist jedoch eine differenzierte Betrachtung. In manchen Bereichen, die für viel Wirbel sorgen, wie der Mietpreissteigerung, nähert sich Leipzig gerade mal dem Durchschnittsniveau an. In anderen Bereichen, die weniger Beachtung finden, wie den Einkommens- und Lebensverhältnissen der Menschen hier, ist Leipzig im unteren Bereich Deutschlands angekommen, darauf sollte man ein größeres Augenmerk legen.

Wer noch nicht versteht, auf welche Welle ich nicht aufspringen wollte:  





Letzter Zugriff auf verlinkte Internetseiten: 2. Mai 2013.


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