Donnerstag, 9. Mai 2013

Studenten, zurück auf eure Barrikaden!



Allem voran: Liebe Männer, alles Gute zum Männertag, ohne euch wäre die Welt nicht halb so schön und manchmal nicht halb so schlimm!

Aber es gibt auch noch etwas anderes, über das wir heute reden können. Spiegel Online erinnerte auf Facebook an den 92. Geburtstag der Widerstandskämpferin Sophie Scholl, die wegen ihrer Verteilung von Flugblättern gegen den Nationalsozialismus 1943 mit 21 Jahren hingerichtet wurde. Zeit, über den politischen Geist der heutigen Studenten zu reflektieren.

Peer Pasternack war von 1989 bis 1993 Studentensprecher der Universität Leipzig. Mit dem Ende der DDR gingen auch Umstrukturierungen an der Hochschule einher. Im Dezember 1990 wurden nach Artikel 13 des Einigungsvertrages systemnahe Studienfächer abgewickelt. Zahlreiche Studenten standen plötzlich nach drei oder vier Jahren Studium ohne Möglichkeit zum Abschluss da. Außerdem verpflichtete das Sächsische Hochschulstrukturgesetz die Uni dazu, alle Professuren neu auszuschreiben. Viele Uniangestellte verloren ihren Beruf und viele Studierende, mitten im Abschluss, konnten nun sehen, wo sie bleiben. „Es kam plötzlich zu massiven sozialen Verunsicherungen, da nicht nur das Studienleben ungewiss war, sondern auch Stipendien, die in der DDR vergeben wurden, in Frage standen und Mietpreise in den Wohnheimen stiegen“, weiß Pasternack noch. Er organisierte damals den größten studentischen Protest der Neuzeit. Flugblätter, Plakate, Besetzungen des Hauptgebäudes, Demonstrationszüge durch die Stadt und Sprengung oder Umfunktionierung von Lehrveranstaltungen. „Der Innenhof des alten Unigebäudes war voll. Selbst auf der Balustrade drängten sich die Studierenden“, erinnert er sich. Doch damals, am  13. Dezember 1990 hielt Pasternack eine Rede zur studentischen Vollversammlung und sagte:

„Es sind eine ganze Menge Studis versammelt, jedoch kaum jemand aus einer nicht betroffenen Studienrichtung. Das zeigt unseres Erachtens zweierlei:

1.      Es gibt bisher (noch?) keine Solidarisierung unter den Studierenden, sofern unmittelbare eigene Betroffenheit nicht vorliegt.
2.      Für die meisten StudentInnen ist noch immer nicht nachvollziehbar, daß die Uni nicht nur biographisches Zwischenlager ist, sondern politischer Ort in der Gesellschaft, d.h. Ort von kritischer Auseinandersetzung sein muß; also ein Ort, wo mensch sich nicht wie eine Azubi in seinem Lehrbetrieb verhält, sondern den jede(r) konfliktfähig mitgestalten muß.“ [sic!]

„Damals wollte ich die Studenten natürlich noch weiter anheizen, dass immer mehr von ihnen zu den Protesten kommen. Heute weiß ich, dass der Zuspruch, aktiv und passiv, unter den Studierenden sehr hoch war.“ Pasternack ist jetzt Direktor des Instituts für Hochschulforschung in Halle. Er weiß, dass seit dem alle vier bis fünf Jahre Protestaktionen an der Uni Leipzig stattfinden. Heute handele es sich jedoch häufig um Spezialprobleme, wie die Gender-Debatte. Das diene dazu, bestimmte Sachverhalte zu thematisieren, jedoch führe es meist zu keiner Lösung der Probleme. Seiner Meinung nach sind die Studenten von heute jedoch keinesfalls lethargischer als damals, ihre Proteste fänden nur auf einer anderen Ebene statt und sie hätten mit neuen Schwierigkeiten zu kämpfen: „Die Studierenden nutzen heutzutage Social Media, um ihre Meinung zu verbreiten und spezialisieren sich eher auf Teilprobleme. Das hat den Nachteil, dass nur eine kleinere Gruppe von Kommilitonen mobilisierbar ist. Außerdem haben die jetzigen Studierenden durch kürzere Studiengänge und verdichtete Studienleistungen keine Zeit sich auf nicht curriculare Aktivitäten zu konzentrieren.“

Für die Zukunft könnte sich Pasternack folgende zwei Szenarien in der Organisation von studentischen Protestbewegungen vorstellen:
Entweder es komme zu einer Professionalisierung des Handwerks. Soll heißen: Studentische Interessenvertretungen würden professioneller betrieben, Erfahrungen  von Generation zu Generation weitergegeben. Damit könnte effektiver gearbeitet werden, jedoch sei es auch schwer zu organisieren.
Oder:  Jede studentische Generation würde neue Erfahrungen sammeln. Hier würde man vielleicht die gleichen Fehler, wie die Vorgängergenerationen machen, doch das sei ebenfalls gut, denn eigene Erfahrungen verankern sich in den Biographien der Studenten, machen sie problembewusster und sensibilisieren sie für wichtige Themen.

Pasternack hat auch eine Vorstellung, worum es bei zukünftigen Demos gehen könnte: „Die Uni raubt ihren Studenten immer wieder Zeit, in der sie sich mit administrativen Aufgaben herumplagen müssen, die sie gut für ihr Studium nutzen könnten. Im angloamerikanischen Bereich ist die Hochschule auch ein Dienstleister und nimmt ihren Studis Aufgaben ab, statt sie ihnen aufzuladen. Ich könnte mir vorstellen, dass das Thema: Entbürokratisierung von Hochschulen breite Sympathien finden würde.“

Letzter Zugriff auf verlinkte Webseiten: 9. Mai 2013

Wer etwas über die Geschichte der Protestbewegungen an der Uni Leipzig in den letzten Jahrhunderten lesen möchte, sollte sich die übernächste Ausgabe der LVZ Campus-Seite besorgen.

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