Donnerstag, 28. November 2013

Revolutionäre nehmt die Scheuklappen ab

„Wer mit 19 kein Revolutionär war, hat kein Herz. Wer mit 40 immer noch Revolutionär ist, hat keinen Verstand.“ Den Ausspruch von Theodor Fontane kennen wir mittlerweile seit Jahrzehnten und in allen Facetten:Marxist, Kommunist, Sozialist. Aber eine Aussage wohnt allen inne: Idealismus gepaart mit ein paar fetten Scheuklappen für die Argumente andere, sind den Jugendlichen vorbehalten. Deswegen ist es auch in Ordnung, wenn eine Gruppe von Schülern den Gegnern der Moschee in Gohlis gegenübertritt und ein Plakat in den Händen halten auf dem steht: „Gegen Kleingarten im Kopf“. Witzig, spritzig, eindimensional.

Denn diejenigen, die gegen eine Moschee in ihrem Stadtteil sind, sind intolerant. Sind möglicherweise sogar Nazis. Ein Stempel, den man schnell Menschen aufdrücken kann und so galant der Pflicht entgeht, ihnen weiter zuhören zu müssen. Das dachte sich wohl auch Oberbürgermeister Burkhardt Jung, als er bei seiner Informationsveranstaltung zum Moscheebau, Rednern, die er dem Anti-Moschee-Lager zuordnete oder die einfach unbequeme Fragen stellten, das Mikro leiser drehte. Das hatte mit Demokratie nichts mehr zu tun. Da versteckt man sich unter dem Mantel dieser, um Diskussionen aus dem Weg zu gehen, in denen sich schon manche, um Kopf, Kragen und Amt geredet haben.

Sicher, aufgespießte Schweineköpfe, wie sie vorletzten Donnerstag auf dem Gelände der geplanten Moschee aufgefunden wurden, sind indiskutabel und abartig. Und ja, man muss nicht den Argumenten der Schweineaufspießer lauschen. Aber Diskussionen zu einem unliebsamen Thema muss eine Demokratie vertragen. Doch wir leben in einer Gesellschaft, in der eine Eva Herrmann erst in eine Talkshow eingeladen und dann hochkant rausgeschmissen wird, in der man den NPD-Vorsitzenden Holger Apfel in eine Politrunde holt und ihm dann sagt, man möchte ihm keine Plattform bieten, in dem man Thilo Sarrazin wünscht,  der nächste Schlaganfall solle sein Werk bitte vollenden.

Ist das noch Demokratie? Die Scheuklappen gegen Argumente anderer haben längst nicht mehr nur die revolutionären Jugendlichen auf. Man findet sie in allen Altersgruppen. Es ist als würde ich meinen Mann zu Hause anketten und mir dann denken, er würde mich lieben, weil er ja nicht fremdgeht. Dabei muss man ihn auch mal von der Leine lassen, um zu sehen ob er abends nach Hause zurückkehrt. So ist es mit der Demokratie. Wenn jede Diskussion sofort unterbunden wird, dann formt sich irgendwo Unmut, Trotz, Aggression, die sich möglicherweise nicht mehr auffangen lässt. Deswegen: Revolutionäre nehmt eure Scheuklappen ab und unsere Demokratie wird gestärkt daraus hervorgehen.


Mittwoch, 7. August 2013

"Der Mensch nimmt sich was er braucht und lässt den Rest verrotten."

* Zurzeit ist nicht so viel Platz am Tag, um sich neue Geschichten zu überlegen und zu recherchieren, deswegen hat es so lange gedauert mit dem neuen Post, aber ich hoffe, dass ich bald wieder regelmäßiger dazu komme. 

** Viele von meinen treusten Fans ;) kennen meinen LVZ-Artikel über meinen Mettigel-Fanatismus. Dem muss ich jetzt mal entgegensteuern und auch die andere Seite beleuchten. 

Nina erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie beschloss Vegetarierin zu werden. Im Erdkundebuch der 5. Klasse sah die Zehnjährige ein Bild von Kühen - eingepfercht in einem viel zu kleinen Zuchtbetrieb. Die bulligen Tiere drängten sich dicht aneinander, ihre Hufen bluteten und eiterten von dem Mist, in dem sie standen. Der Schülerin liefen Tränen über das Gesicht. Sie beschloss: Nie wieder Fleisch - nie wieder zu einem solchen Leid beitragen. Nun steht sie zwischen den Regalen von "Veganz" in Berlin und räumt Sojamilch mit Mandelgeschmack hinein.
Der Laden gehört zu einer der größten veganen Supermarktketten Europas. Es ist ihr erster Arbeitstag als Ferienjobberin. Die Luft im Geschäft ist stickig, leise spielt Gitarrenmusik im Hintergrund. Nina trägt zwei verschiedene Schuhe, ihre schwarze Hose ist ausgewaschen und auf dem Rücken ihres Arbeitsshirts steht "Wir lieben Leben". Was als kindliche Idee begann, währt nun schon über sechs Jahre. Nina kommt nächstes Jahr in die Oberstufe. "Der Mensch sieht sich selbst als Herrscher über die Tiere. Er nimmt sich was er braucht und lässt den Rest verrotten", sagt Nina mit unaufgeregter Stimme. Als sie ihren Eltern berichtete, sie wolle nun kein Fleisch mehr essen, zog ihr Vater sofort mit. Er belas sich zu dem Thema und erklärte seiner Tochter später, dass all die beklagenswerten Dinge der Fleischproduktion ebenso auf Milchkühe oder Legehennen zuträfen. Die Konsequenz: Seit vier Jahren sind beide Veganer - essen nun auch keine Tierprodukte wie Käse oder Eier. Nina erklärt ihren Ernährungsstil mit diesem Missstand: "Eine gesunde Kuh gibt zirka acht Liter am Tag, eine Milchkuh aus dem Betrieb muss bis zu 40 Litern schaffen. Das ist nicht gesund.“

Ola, eine polnische Touristin, war noch nie zuvor in einem veganen Laden. Produkte wie Hanfspaghetti oder "I´m meat free"-Buffalowings, werfen bei ihr Fragen nach den Inhaltsstoffen und nach dem Geschmack auf. Nina kennt die Produktpalette noch nicht so gut, Angestellter Dave dafür umso besser. Was er ihr empfehlen könnte, fragt Ola. Der läuft mit ihr zu den Regalen mit dem Aufstrich: "Viele, die anfangen wollen vegetarisch zu leben, starten mit Käsebroten, weil ihnen nichts anderes einfällt, aber ich fahre eher auf die Aufstriche auf Sonnenblumenkernbasis ab, mit Rucola oder Aubergine." Dave ist seit neun Jahren Vegetarier und seit zwei Jahren Veganer: "Bei einer Party musste ich das Fleisch für die Schnitzel klopfen - ich hätte mich beinah übergeben. Dieses Gefühl auf rohes Fleisch einzuschlagen, hat mich angewidert". Neben Daves Kasse kleben verschiedene Sticker und Postkarten an der Wand: "vegan means I am trying to suck less" (Vegan bedeutet, ich versuche weniger nervig zu sein) steht dort oder "meat is murder" (Fleisch ist Mord). Knapp sechs Euro zahlt die junge Polin für zwei Aufstriche. Nina weiß, dass das viel Geld ist: „Meine Eltern ärgern sich auch über die hohen Preise, aber das sind uns die Tiere wert.“ Laut der Nationalen Verzehrstudie II ernährten sich 2008 80.000 Menschen vegan.

Montag, 1. Juli 2013

Der Lebenskraft beraubt


Dembe ist müde. Er ist in den letzten Jahren immer müde gewesen, kraftlos, ausgelaugt, als hätten sie alles Leben aus ihm gesogen. Sie - das sind die Rebellen der Lord´s Resistance Army, die sich seit nunmehr 26 Jahren gegen die Regierung des ugandischen Präsidenten Yoweri Museveni auflehnen. Es war eine heiße Nacht 1995. Dembe war gerade eingeschlafen, da schlug jemand die Holztür seines Hauses ein und schleifte ihn nach draußen.  Fünf bewaffnete Männer zerrten ihn in ein nahegelegenes Waldstück, rissen ihm die Kleider vom Leib und fesselten ihn an einen Baum. Zunächst verhöhnten sie ihn nur, wie er da stand verängstigt und nackt, spielten an seinem Genital und schlugen ihm mit Stöcken auf den Hintern. „Ich wusste nicht, was mit mir geschah. Niemals wäre ich auf das gekommen, was dann folgte“, sagt Dembe heute. Die Rebellen zogen sich die Hosen runter, einer nach dem anderen. Sie vergewaltigten ihn - brutal, dominierend, manche noch nicht einmal mit erigiertem Glied.

Das Thema sexuelle Übergriffe auf Frauen in Krisenregionen ist seit langem im Bewusstsein der Gesellschaft fest verankert. Vergewaltigungen von Männern bleiben dagegen im Verborgenen. Dabei wird auch hier sexuelle Gewalt häufig als Kriegswaffe angewendet. Sandesh Sivakumaran lehrt an der Universität von Nottingham Internationales Recht und beschäftigt sich mit der Thematik: „Die Bandbreite an sexueller Gewalt gegenüber Männern ist unendlich, aber die Anzahl der Taten variiert von Konflikt zu Konflikt. In manchen scheint sexuelle Gewalt nur ein spontaner Akt zu sein, in anderen ist es klar systematischer Natur.“ So gibt es neben der Vergewaltigung von Männern auch Kastration, erzwungener Inzest, sexuelle Sklaverei und Verstümmelung. Und es geschieht nicht nur in Uganda, sondern auch im Kongo, Sierra Leone, Liberia, Sri Lanka oder dem Irak. Zahlen zu den Übergriffen gibt es kaum. In der Demokratischen Republik Kongo spricht man von vier bis zehn Prozent Männern als Opfer. In Zentralafrika sind im Jahr 2007 140 Fälle männlicher Vergewaltigungen dokumentiert. Das sind jedoch nur diejenigen, die sich in ärztliche Behandlung oder in den Schutz einer NGO begeben. Andere brechen ihr Schweigen nie.

Auch Dembe hat Jahre gebraucht bis er über seine Erfahrungen sprechen konnte. Dann wandte er sich an das „Refugee Law Project“ in Kampala. Das Institut der Makerere-Universität berät Flüchtlinge und Asylsuchende. Gemeinsam mit  anderen Organisationen aus Kambodscha und Neuseeland organsierten sie im April ein Treffen für missbrauchte Männer und Jungen. „Erst dachten wir, es würde keinen Anklang finden, aber mittlerweile haben wir hier in der Hauptstadt circa 70 Männer, die wir dauerhaft betreuen“, sagt Chris Dolan, der Leiter des „Refugee Law Project“s. Während Frauen für das Thema Vergewaltigung sensibilisiert seien, ist es für Männer immer noch ein Tabu. Hinzu kommt, dass viele Scham empfinden, weil sie es nicht geschafft haben, sich gegen den Übergriff zu wehren und zu Opfern wurden. Außerdem leiden sie unter Verwirrung, da ihnen häufig die Worte fehlen, um ihre Erfahrungen zu beschreiben, geschweige denn, dass sie wüssten wohin sie sich wenden sollten. Wenn Männer zum Sex mit Jungen oder anderen Männern gezwungen wurden, fühlen sie sich danach schuldig und haben Angst, dass ihnen in der Nachbarschaft niemand glauben wird, ihre Frauen sie verlassen oder die Gemeinschaft auf sie herab blickt.

Noch vor Kurzem war Dembe der Meinung sein Leben sei vorbei. Er war nach seiner Vergewaltigung nicht mehr derselbe, konnte nicht mit seiner Frau sprechen und auch seinen ehelichen Pflichten nicht mehr nachkommen. Er schämte sich vor seinen Kindern und fiel in eine tiefe Depression. „Viele Männer, die zu uns kommen, sind suizidgefährdet. Sie bluten aus dem Anus und können nur unter Schmerzen laufen und aufs Klo“,  erklärt Dolan. Der Grund für die Vergewaltigungen liegt nicht in der Sexualität selbst. Es können verschiedene Gründe sein, warum zu dieser Kriegswaffe gegriffen wird. Die „Sexual Violence Research Initiative“ beschreibt in einem Aufklärungspapier die Gründe für einen solchen Übergriff. Demoralisierung sei eine generelle Strategie im Krieg. Sexuelle Gewalt werde hier genutzt, um zu verschrecken, Familien und das Gemeinschaftsgefüge zu zerstören. Außerdem werde sie an Männern vorgenommen, um ihre maskulinen Eigenschaften zu attackieren. Durch Vergewaltigung fühlten sich viele Männer so, als seien sie in eine Frau umgewandelt worden. Manche Männer, die zum „Refugee Law Project“ kommen, zweifeln an ihrer Heterosexualität. Und das in einem Land, in dem seit 2009 lebenslange Haft für Homosexuelle im Gesetzesbuch aufgenommen ist. Schlussendlich sind diese Männer für ihr Leben stigmatisiert.

Mittlerweile versucht Dembe sich bewusst zu werden, dass die Vergewaltigung nicht seine Schuld war und er sein Leben wieder in die Hand nehmen sollte. „Ich weiß zwar, dass diese Männer nicht gefasst werden, aber ich möchte andere Betroffene in Afrika dazu ermuntern von ihrem Unheil zu berichten und zur Verbesserung der Situation für Männer beizutragen.“ Damit steht er nicht allein. Auch Sandesh Sivakumaran ist der Meinung: „Das Problem muss angesprochen werden, unabhängig von der Zahl der Betroffenen.  An Männer und Frauen sollten gleiche Maßstäbe angelegt werden.“ Rechtlich ist die Lage bis jetzt jedoch völlig unklar.

Lara Stemple ist die Direktorin des „Health and Human Rights Project“ an der Universität von Kalifornien, Los Angeles und beschäftigt sich seit Jahren mit der rechtlichen Situation von vergewaltigten Männern: „Der Rahmen des Internationalen Menschenrechts ist vollkommen ungeeignet, um sexuelle Gewalt gegen Männer und Jungen zu addressieren.“ Über 100 Mal werde die Wortgruppe „sexuelle Gewalt gegen Frauen“ oder „geschlechter-basierende Gewalt“ verwendet. „Normalerweise sollte „geschlechter-basierende Gewalt“ Männer mit einschließen, aber im Kontext der Menschenrechte scheint es sich nur auf Frauen als Opfer zu beziehen“, erklärt Stemple. Aus diesen definitorischen Problemen ergibt sich ein Kreislauf des Schweigens. Die Juristin ist sich sicher: „Wenn das Phänomen der Vergewaltigung von Männern in der Gesellschaft unerkannt bleibt, aus Kriminalitätsberichten herausgelassen wird oder in der Menschenrechtsbewegung keine Rolle spielt, dann können die Opfer glauben, dass es unwichtig sei ihre Erfahrungen mitzuteilen, das Problem anzusprechen und es verschlimmert die Hemmungen über das Erlebte zu berichten.“ Anfang und Ende eines Teufelskreises.

Mittwoch, 19. Juni 2013

Die Zukunft des Journalismus (Teil1): Wie entwickelt sich die Pressefreiheit?



Kürzlich war ich auf einer sehr interessanten Konferenz von Journalisten in Hamburg - "netzwerk recherche". Texte, die unter der Rubrik "Zukunft des Journalismus" stehen, sind nur kleine Denkanstöße, die die Konferenz mit sich brachte.

Wolfgang Bok hat in den 80ern Soziologie, Volkswirtschaft und Politikwissenschaft in Stuttgart studiert. Dann arbeitete er jahrelang als Chefredakteur der Heilbronner Stimme und als Direktor der Kommunikationsagentur Scholz & Friends. Nun ist er Lehrbeauftragter für Kommunikationsmanagement in Heilbronn und sorgt sich um die Zukunft der Pressefreiheit.

Zum Feiertag eben dieser am 3. Mai 2013 schrieb er im Cicero einen Artikel mit der Überschrift: „Generation G unterhöhlt die Innere Pressefreiheit“. Generation G - das sind wir: Greenpeace, Gender, Gerechtigkeit. Die These: Pressefreiheit werde bedroht durch die grüne Brille derjenigen, die mittlerweile die Redaktionen zersetzen und für weniger Pluralität sorgen, indem sie durch eingeschränkte Wahrnehmung nur in Freund-Feind-Bilder unterteilen. Und wer muss schon im ersten Absatz wieder herhalten? Tagesthemen-Moderator Hanns Joachim Friedrichs, der sagte: „Mache dich mit keiner Sache gemein. Auch nicht mit einer guten.

Es folgt ein polemischer Artikel, der einer gewissen Komik nicht entbehrt. Man muss Herrn Bok lassen, dass er, vielleicht aus seiner Zeit bei der PR-Agentur, das Spiel mit dem Wort versteht. Manches von dem was Bok sagt ist richtig und wichtig, wie beispielsweise, dass hinter allem „grünen Alarmismus“, wie er es nennt, auch eine mächtige Öko-und Soziallobby gibt. Anderes ist schlichtweg blödsinnig zum Beispiel:

„Jede Volontärin (und es sind überwiegend weibliche Berufsanfängerinnen mit gesellschaftskritischem Studium) muss ihre Kompetenz erst einmal dadurch beweisen, dass sie einen Winkel ausfindig macht, in dem Frauen „noch immer furchtbar benachteiligt werden“. So bestätigt sich die stark feminisierte Branche in ihrer Elendswahrnehmung selbst.“

Denn auch, wenn ich mich selbst in dieser Gruppe weiblicher Nachwuchsjournalisten wiederfinde, so habe ich noch in keiner Redaktion versucht, das Thema weibliche Benachteiligung unterzubringen und die Elendswahrnehmung lässt sich leicht mit den Zahlen, die ProQuote erhoben hat, belegen.

Interessant ist allerdings dieser Friedrichs-Satz, der auch in jedem „guten“ journalistischen Handbuch zu lesen ist. Einen ganz anderen Ansatz verfolgt dagegen Silke Burmeister, die unter anderem für Zeit und Spiegel schreibt und in der taz in der wöchentlichen Kolumne „Die Kriegsreporterin“ von der Medienfront berichtet.  In ihrer Rede zur Lage des Journalismus auf der Jahreskonferenz von „netzwerk recherche“ vergangenes Wochenende sagte sie:

„[…]Aber, woran hat Thomas Tuma jüngst erinnert, wir dürfen uns nicht mit einer Sache gemein machen. Bloß nicht für etwas kämpfen, sich einsetzen an das man glaubt. Schon gar nicht für ein demokratisches Grundrecht wie freie Medien oder Gleichberechtigung. Das kommt für einen Mann vom Spiegel früher oder später schon von allein. Der Forderung auf Engagement zu verzichten, geht nicht nur die naive Annahme voraus, es gäbe eine objektive Themenwahl, die Abspaltung des Ichs von dem was man schreibt  - sie ist auch Bullshit. Warum soll ich mich nicht für eine Sache einsetzen? Warum nicht zu einer Sache Position beziehen, wenn deutlich ist, wer sich warum zu einer Sache bekennt? Ist es nicht genau das, was die Medien so langweilig und austauschbar macht? Dass sie für nichts stehen? Dass keine Haltung, keine Position erkennbar ist? Dass sie von Leuten gemacht werden, die Schiss in der Hose haben? Leute, die sich nicht trauen mal in die vollen zu gehen, sich zu etwas bekennen und stattdessen den grauen breiten Konsens suchen, auf dass sie es sich mit niemandem verderben[…]“

Diese beiden Menschen und Meinungen würde ich gern an einen Tisch setzen. Es würde ein interessantes Gespräch entstehen.

Sonntag, 2. Juni 2013

Denn die Zeit, die drängt...



Eigentlich wollte ich etwas zum Thema „teilen“ schreiben. Mir ist es in letzter Zeit vermehrt aufgefallen, dass es immer neue Plattformen im Internet gibt, auf denen man teilen kann: carsharing, couchsurfing, housesharing, foodsharing und vieles mehr.  

Deswegen dachte ich: Das Thema scheint im Trend zu liegen. Aber ich kam zu spät. Im Februar hatte der „Stern“ bereit seine ganze Zeitschrift mit dem Titel „Teilen ist das neue Haben“ gemacht und nahezu alles zu diesem Thema eroiert. Dabei fiel mir allerdings etwas Neues auf: Nicht nur der Stern hatte im Februar zu diesem Thema geschrieben, sondern auch der „tagesspiegel“, die „Bild“, „nrw-denkt-nachhaltig“, der "Spiegel" und kürzlich hat sich auch „ZDFinfo“ in einer „Wiso“-Sendung dem Thema gewidmet.

Anlass war die CeBit, die im Anfang März stattfand und unter dem Motto „Shareconomy“ lief. Für die Vorberichterstattung wurde dann intensiv zu diesem Topic recherchiert. Bis hierhin ist alles legitim. Doch nun werfen wir einen Blick in den Inhalt der Berichterstattung. Manche der Artikel und die Wiso-Sendung referiert auf den früheren Werbespot „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ von der Sparkasse aus den 90ern. Denn dieses Lebensgefühl sei nun passé. Dafür würden die Menschen eben mit Hilfe von sozialen Netzwerken gern teilen. Es folgt eine Erklärung des neuen Zeitgeistes und eine Auflistung von Sharing-Möglichkeiten.

Mit dem Thema angefangen, hat, wie so oft, die "New York Times", die bereits 2009 einen Artikel zu dem Thema veröffentlichte, weitergemacht in Deutschland hat 2011 die „Zeit“  und nun, da es bereits in allermunde, haben auch die restlichen großen deutschen Zeitungen dazu gefunden. Warum ist das so? Warum sind wir keine Trendsetter, sondern Mitläufer? Warum muss uns immer wieder eine New York Times zeigen, wo der Wind hin weht?

Ein Grund, der auf der Hand liegt und schon seit 2008 durch eine Studie der Landesmedienanstalt in NRW bekannt wurde, ist sicher die Selbstreferentialität der Medien.  600 Journalisten wurden befragt und ein Großteil von ihnen gab an, dass sie bei der Recherche vornehmlich auf andere Medien zurückgreifen und nicht auf Quellen aus erster Hand.  Interessanterweise existiert diese Selbstreferentialität aber nicht nur in den Medien:

„[…] und Selbstreferenz gilt heute als eines der wichtigsten Kennzeichen der Postmoderne überhaupt: Die Texte beziehen sich mehr und mehr auf Texte, wobei sich die Spuren ihres Ursprungs verflüchtigen. Die Filme werden mehr und mehr zu Metafilmen, das Fernsehen thematisiert das Fernsehen (und die Notwendigkeit, dies im eigenen Sender zu tun) und wird somit immer mehr zu einem Nah-Sehen. In der Literatur werden die Romane immer mehr zu Metaromanen, in der Kunst steht immer mehr der Künstler in seiner Körperlichkeit im Mittelpunkt des Interesses. Selbst die Werbung bezieht sich immer weniger auf die Darstellung der Produkte, indem sie die selbst erzeugten Mythen in ewigen Kampagnen wiederholt.“

Zu diesem Thema forschte die Universität Kassel bereits in den Jahren 1999 bis 2001. Doch geändert hat sich, was das Beispiel „Shareconomy“ zeigt, seit dem nicht viel.

Themenfindung funktioniert am besten über ein starkes soziales Netzwerk - offline und online.  Dieses aufzubauen braucht Zeit - meist sprechen wir von Jahren. Diese Zeit haben die wenigsten Journalisten. Man muss schnell sein, der Erste sein, offen für neue Aufgaben und immer flexibel. Und hier liegt der Hase im Pfeffer. Die Medien werden sich nicht mehr beruhigen, sie werden nur noch rasender werden und  die Chancen am Zahn der Zeit zu horchen, mit Menschen intensiv zu sprechen und kreativ Ideen zu entwickeln, werden noch weiter schrumpfen. Deswegen werden Journalisten auch in Zukunft den Ansprüchen, die an sie gestellt werden, hinterher laufen.

Denn die Zeit, die drängt und das Geld ist knapp
Und es ist auch schon oft passiert,
Das alle abgeschrieben haben und keiner hat recherchiert.” (Marc-Uwe Kling)

Mittwoch, 22. Mai 2013

Abercrombie erweist uns einen Dienst



Sicher hat Mike Jeffries es nur gut gemeint. Er dachte daran, dass 34 Prozent der Amerikaner im Jahr 2009 als fettleibig galten und er wusste, dass auch in Europa die Zahlen nicht viel anders aussehen. In Deutschland sind 53 Prozent der Frauen nach einer Studie des Robert-Koch-Instituts 2012 als übergewichtig einzustufen.







Deswegen sorgte der Firmenchef von Abercrombie & Fitch dafür, dass seine Mode den Dicken nicht passt und veranlasste, dass das Label nur noch Kleidung bis zur Größe L für Frauen führt. Außerdem ist er voller Hoffnung, dass nur hübsche, coole Kinder sich seine überteuerte Marke leisten können. Der Focus stellte die berechtigte Frage, ob er denn selbst in dieses Klientel passen würde. Mit seinem beständigen Kampf, um Schönheit passt Mike Jeffries durch viel Chirurgie mittlerweile eher ins Gruselkabinett, als in die Modewelt.

Mike Jeffries fühlt sich vollkommen falsch verstanden. While I believe this 7 year old, resurrected quote has been taken out of context, I sincerely regret that my choice of words was interpreted in a manner that has caused offense”, schreibt er auf Facebook. Und 3880 Menschen gefällt das.  Manch andere lassen sich nicht so schnell beruhigen und fragen im Social Network zurück: How can ‘we don't like fat people working in our stores or wearing our clothes’ be taken out of context? Seems pretty clear to me.“

Ein anderes Extrem verfolgt dagegen Grünen-Politikerin Marianne Burkert-Eulitz. Sie war empört darüber, dass bei einem Schönheitswettbewerb tatsächlich nur schöne Menschen zugelassen würden. „Jugendliche, die nicht groß und schlank sind, werden ausgegrenzt. Und Menschen ohne deutschen Pass auch. Das entspricht doch nicht dem Menschenbild.“ Dabei „werden Schönheitsideale propagiert, die längst überholt sind.“ Was sie damit meint, ist nicht klar. Sie selbst ist klein und dick und fühlt sich damit wohl, denn sie sei sportlich.

Fest steht, das existierende Schönheitsideal sind keine Rubens-Frauen. Es ist auch nicht mehr die vornehme Blässe oder die weit ausgestellten Hüften. Das wären Schönheitsideale, die tatsächlich überholt sind. Gegen die Size Zero Models, die auf den Laufstegen die Welt umrunden, gibt es schon seit Jahren berechtigten Protest, aber gegen ein schönes Mädchen mit einem schlanken, sportlichen Körper hat keine westliche Gesellschaft und auch kein Arzt etwas einzuwenden. Der Vorschlag bei Schönheitswettbewerben nun auch weniger hübsche Menschen zuzulassen, ist also vollkommen abstrus. Wir werden bei zukünftigen Mathe-Olympiaden in der Schule auch niemanden mitnehmen, der nicht das Einmaleins beherrscht, Buchstabierwettbewerbe werden nie Schreibschwache gewinnen und bei Schönheitswettbewerben kann eben nicht Quasimodo ausgezeichnet werden.

Man mag über Mike Jeffries denken, was man will, aber mit seiner snobistischen und menschlich abstoßenden Aussage, tut er der Gesellschaft vielleicht sogar gut. Wenn wir allen Zynismus beiseitelassen, dann ist die Toleranz nach der A&F-Konkurrent American Eagle mit Größen bis zu XXL und Marianne Burkert-Eulitz verlangen, nicht zuträglich für eine gesunde und fitte Gesellschaft. Sie spielt in die Karten der Junkfood-Industrie. Es mag abwegig sein, aber vielleicht sterben durch die Intoleranz von Mike Jeffries in Zukunft ein paar Prozentpunkte weniger an Bluthochdruck oder Diabetes, weil sie auch zu dem propagierten Schönheitsideal gehören wollen und dafür abspecken.